Forschungskolloquium zur Wissenschaftsgeschichte

Normale Fotos. Empfindlichkeitsstandards einer ‚bildmäßigen Photographie‘ der 1930er Jahre

Datum
16:15 - 17:45 Uhr
Ort
EB 202, Erweiterungsbau der TU Berlin, Straße des 17. Juni 145, 10623 Berlin
Veranstaltet von
Friedrich Steinle (TU Berlin)
Vortragende Person(en)
Stephan Graf (ETH Zürich)

Die Normung der Empfindlichkeitsprüfung fotografischer Aufnahmematerialien bildete eines der Problemfelder einer ‚fotografischen Forschung‘, die sich im 20. Jahrhundert zwischen Industrie und Hochschule entfaltete. Zur Debatte stand, mit welchen ‚sensitometrischen‘ Verfahren sich die beobachtete Schwärzung einer fotografischen Silberhalogenidschicht nach ihrer Belichtung und Entwicklung in eine verlässliche Empfindlichkeitszahl übertragen ließ. Mit Fokus auf den Ausschuss für Sensitometrie der 1930 gegründeten, von der Fotoindustrie getragenen Deutschen Gesellschaft für photographische Forschung rekonstruiere ich in diesem Vortrag die Standardisierungsbemühungen, die zur 1934 publizierten Norm DIN 4512 führten. Zur Auflösung der dabei auftretenden Spannungen zwischen Ansprüchen exakter Theorien des fotografischen Prozesses und fotografischen Bildpraktiken gewann, so die These, das Konzept einer ‚bildmäßigen Photographie‘ – und damit eine bestimmte Art einer ökonomisch immer relevanteren Amateurfotografie – an Bedeutung. Ich werde zeigen, dass sich die in standardisierter Laborumgebung anhand abstrakter Messbilder ermittelte ‚DIN-Empfindlichkeit‘ in der Praxis insbesondere dann als hilfreich erweisen sollte, wenn sich eben-diese Praxis auf eine solche ‚bildmäßige Photographie‘ ausrichtete. Mein Vortrag lädt also dazu ein, einen wissenschaftshistorischen Blick auf die bisher vorwiegend sozial-, kultur- oder kunsthistorisch untersuchte Amateurfotografie des 20. Jahrhunderts zu werfen.

Stephan Graf promoviert seit März 2020 an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich zur Geschichte der ‚fotografischen Forschung‘ in der europäischen Fotoindustrie des 20. Jahrhunderts. Während seines 2018 abgeschlossenen Masterstudiums in Geschichte und Philoso-phie des Wissens an der ETH Zürich war er auch in Fotoarchiven tätig und koordinierte 2019 eine Fotoausstellung im Centre de la photographie Genève. Von August 2021 bis Januar 2022 ist Stephan Graf Visiting Scholar am Photographic History Research Centre der De Montfort University in Leicester. Sein Dissertationsprojekt wird vom Förderprogramm Doc.CH des Schweizerischen Nati-onalfonds (SNF) finanziert.

Das Kolloquium findet in Präsenz statt, unter Beachtung der Hygieneregeln der TU Berlin. Aktuelle Informationen zum Kolloquium finden Sie hier.